„Try to blend in!“

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„Die Hälfte des Denkens vergeht mit der Entdeckung, daß das Unähnliche ähnlich und das Ähnliche unähnlich ist." (Paul Valéry) In dem gerade angelaufenen Animationsfilm von Gore Verbinski macht sich Rango, ein von einer Identitätskrise gebeuteltes Chamäleon, auf den Weg zu sich selbst.2 Als Haustier aufgewachsen, fehlt ihm jedoch gerade jene Eigenschaft, die das Chamäleon seit der Antike paradigmatisch verkörpert: die Anpassungsfähigkeit. In seinem roten Hawaiihemd vermag er sich weder im optischen Feld der Wüste durch Tarnung unsichtbar zu machen, noch sich den anderen Wüstenbewohnern anzugleichen. Eine Schlüsselszene dieser Western-Travestie zeigt den ahnungslosen Outsider bei seinem verzweifelten Versuch, sich vor dem Angriff eines Raubvogels zu schützen. Als ihm bei der Warnung einer nicht nur optisch perfekt assimilierten Kröte – „try to blend in!“ – klar wird, dass ihm die farbliche Anpassung an das Umfeld unmöglich ist, versucht er sich in einen Kaktus zu verwandeln: mit Stacheln ‚verkleidet‘, erstarrt er zum Wüstengewächs. Doch nicht nur die optische, auch die soziale Anpassung misslingt, bis Rango sich als Hochstapler Anerkennung verschafft und schließlich zu dem Helden wird, den er zuvor nur nachgeahmt hatte. Lange bevor in den 1860er Jahren der Begriff der „Mimikry“ geprägt und die vielfältigen Anpassungsphänomene in das evolutionstheoretische Paradigma optimierter Überlebenschancen eingebunden wurden, barg die physische Anpassungsfähigkeit der Tiere ein immenses Faszinationspotenzial. Was ermöglichte es den Tieren, sich zu verwandeln, als etwas anderes zu erscheinen, andere Tiere nachzuahmen (Mimikry) oder in der Umgebung unsichtbar zu werden (Mimese)? Hier lagen sowohl Spekulationen über eine künstlerisch schaffende Natur als auch Analogiebildungen mit sozialen und kreativen Handlungen nahe. Während der letztere Aspekt den Tieren ein mimisches Talent (von mimos, Schauspieler) unterstellt, wirft der erste Aspekt die Frage nach einer Strukturverwandtschaft zwischen den (nach-) bildenden Verfahrensformen von Natur und Kunst auf. Die Vielfalt der Verfahren zur Hervorbringung von Ähnlichkeit – Assimilation, Verwandlung, Nachbildung und Nachahmung – lässt sich unter den Begriff der Mimesen fassen.