Apparaturen des Schwindels. Zum psychiatrischen, populären und wissenschaftlichen Einsatz von Drehvorrichtungen im frühen 19. Jahrhundert

“Man or Monkey?” lautet die leitmotivische Frage, mit der die medizinische Testszene
des Raumfahrt-Epos The Right Stuff überschrieben ist. Sie ist zum einen der Eigenwilligkeit der Spezies Testpilot geschuldet, von deren Astronaut-Werden die Verfilmung des Stoffs von Tom Wolfe handelt; zum anderen ist sie auf die realen Risiken bemannter Raummissionen zurückzuführen und damit neben technischen Katastrophen vor allem auf die Belastungen, denen der neurophysiologische Apparat des Menschen unter den Bedingungen extremer Beschleunigung und im Zustand der Schwerelosigkeit ausgesetzt ist. Die in der Lovelace Clinic angestellten raumfahrtmedizinischen Tests führen diese Bedingungen deutlich vor Augen. Ihrer filmischen Darstellung widmet Regisseur Philip Kaufman mehr als eine halbe Stunde Filmzeit. Den dramaturgischen Abschluss der Test-Sequenz bildet ein Zentrifugenexperiment, das die sichtbaren Folgeerscheinungen künstlicher g-Beschleunigung durch Schnitt und Gegenschnitt auf einen rotierenden Testpiloten / Testaffen effektvoll in Szene setzt.1 Kaufman führt damit eine Apparatur zur Simulation erhöhter Gravitations- und Beschleunigungskräfte an, die in der Raumfahrtmedizin zur Untersuchung der vestibulären und sensomotorischen Adaption an veränderte Schwerkraft dient und im Bereich der Kinetoseforschung – der Analyse der sogenannten Space Motion Sickness, einer exzentrischen Variante der Seekrankheit – zum Einsatz kommt…
Um die historischen Vorläufer der Humanzentrifuge, deren Kompositum ‚Human-‘ in
den Anfangstagen der „bemannten Raumfahrt“ in Frage stand, kreisen die folgenden
Ausführungen. Mit Drehbetten, Karussells und Schiffschaukeln werden Rotations- und
Schleuderapparaturen in den Blick gerückt, die um 1800 in verschiedenen Diskursen
und Wissensfeldern auftauchten und auf je spezifische Weise das Subjekt und dessen
Wahrnehmungen auf die Probe stellten.