Der Mimese-Komplex

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Angenommen, wir hätten einen mimikrytheoretischen Text aus dem Französischen ins Deutsche zu übersetzen, was wäre da wohl der größte Stolperstein? Aufs Ganze gesehen sicher die kaum überschaubare Menge der entomologischen Wortprägungen, angefangen bei der Nomenklatur, etwa den Coleoptera mit ihren Unterordnungen und Dutzenden Familien, über den Körperbau, wo man es mit Lippen- und Kiefertastern, Halsschilden, Vorder-, Mittel- und Hinterhüften zu tun hat, bis hin zu den übergenauen Einzelbeschreibungen, wenn es z.B. von Schmetterlingsflügeln heißt, sie seien „länglich auslaufend, gekerbt, gezähnelt, ausgefranst oder voll“. Letztendlich ist es aber nur ein Begriff, der wirkliche Schwierigkeiten bereitet, der Begriff der Mimikry selbst, denn im Französischen wird nicht von mimicry gesprochen, sondern von mimétisme. Und obwohl es in Langenscheidts Großwörterbuch, dem bekannten Sachs-Villatte, unter dem Eintrag mimétisme heißt: 1. biol Mimikry [-kri] f; 2. fig Nachahmung f, wird einem schnell klar, dass das eine nicht wirklich das andere meint. Mimétisme ist nicht Mimikry – was zu beweisen wäre.