Editorial

Wirbel entstehen lokal und situativ, vermischen und vermengen heterogene
Elemente (Theorien, Methoden, Material, Disziplinen, Akteure, Artefakte,
Zeiten und Räume); sie klären auf, trüben ein, wirbeln Staub auf und
schlagen Wellen; setzen Dinge in Bewegung, destabilisieren, erzeugen Sogwirkungen,
Kraftfelder, Unterströmungen, Stromschnellen und Untiefen,
Schwindel, Rauschen und Störungen; sie reißen mit, hin, fort und weg.
Als Bewegungen des Denkens wurde diesen Figuren des Turbulenten seit
jeher ein Erkenntnispotential zugeschrieben. So steht beispielsweise der
Schwindel bei Platon für eine Verunsicherung über die Grundlagen des
Wissens, die den Ausgangspunkt jedes philosophischen Fragens bildet; und
auch das neuzeitliche Denken setzt mit der Erfahrung eines fundamentalen
Schwindels an: „Die gestrige Betrachtung hat mich in so gewaltige Zweifel
gestürzt, dass ich sie nicht mehr vergessen kann, und doch sehe ich nicht,
wie sie zu lösen sind; sondern ich bin wie bei einem unvorhergesehenen
Sturz in einen tiefen Strudel so verwirrt, dass ich weder auf dem Grunde
festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen kann.“ (Descartes,
Meditationes de prima philosophia, 2. Meditation)
An diesen Ausgangspunkt kehrt die Zeitschrift zurück, wenn sie sich den
Dynamiken der Einlassung und des Hingerissen-Werdens, des Herauslösens
und des Kombinatorischen verschreibt. Diese Bewegungen stehen
für eine kulturwissenschaftliche Arbeitsweise, die Material, Methode und
Theorie nach den Erfordernissen des Untersuchungsgegenstands konfiguriert
und im Zweifelsfall die Problemgerechtigkeit den disziplinären Traditionen
vorzieht. Dabei erfordert der Umgang mit dem temporär gestifteten
Sog Augenmaß und Navigationsvermögen: Haupt- und Nebenströmungen
müssen „gesichtet“, „ausgelotet“, „umschifft“, Übertragungen müssen taxiert
werden, bis sie auf einen Punkt zulaufen, der beweglich bleibt.