Märkte der Zukunft – Das kollektive Kalkül eines modernen Orakels

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Eine der ersten und die wahrscheinlich grundlegendste Karte in der Ökonomie ist das Marshallian Cross, in dessen geographischer Mitte die Kurven von Angebot und Nachfrage das Marktgleichgewicht bilden. Wie im delphischen Orakel kulminiert im „Nabel“ dieses Tableaus das Wissen in prophetischen Höhen. In erstaunlicher Analogie zur Vermittlung zwischen Anbietern und Nachfragern integriert Apollon als Sprössling der Verbindung der Titanin Leto mit Zeus im delphischen Orakel die entgegengesetzten Kräfte des alten Göttergeschlechts der Erdentiefe und der jungen Olympier. Aber auch ohne die mythische Verkleidung ist die Produktivität Delphis als zentraler Informationsknotenpunkt immens. Wie bei der Marktpreisbildung driften alle Informationen von der Peripherie auf das Zentrum zu. Zur Blütezeit der delphischen Prophezeiung ist kein Ort in Griechenland derart informiert. Man könnte versucht sein, Delphi und sein weit verzweigtes Geflecht an diplomatischen Verbindungen zum ersten Informationsmarkt zu erklären, auf dem der den Orakelsprüchen zugrundeliegende Wissensvorsprung der Tempelangehörigen durch den steten Zustrom an Informationen aus allen Winkeln der antiken Welt gespeist wird. Die Orakelsprüche sind das Produkt einer regelrechten Industrie, welche Informationen nicht nur in geschickter Produktform aggregiert, sondern sogar deren Verschriftlichung in Versform kommerzialisiert. Die bereits in Delphi erkennbare enge Verzahnung von Ökonomie und Prophetie soll in diesem Essay thematisiert werden. Ausgehend von der These, dass sich im delphischen Orakel Spuren des Ökonomischen sichtbar machen lassen, soll im Gegenzug die beobachtbare prophetische Überhöhung ökonomischer Strategien, Taktiken und Praktiken beleuchtet werden.