Nachgeahmt, gefaked oder gefälscht? Die Beringer-Affäre der Jahre 1725/26 und Fragen nach „Vorbild“, „Nachbild“ und „Original“ heute
abstract
A science drama from the years 1725/26: A collector of fossils—Johann Beringer, professor in Würzburg—is reputed to have been the victim of a plot by his colleagues who provided him with fanciful, man-made „fossils“ which Beringer proudly presented to the public. It was only several months later that the fake was discovered. Re-reading the sources and considering the time and effort to produce the so-called „Lie Stones“, however, it seems likely that Beringer himself was the forger. This article reconstructs Beringer’s neo-platonic idea of nature on the basis of this assumption. It shows how he was guided by a conception of a divine nature that imitated the prototypes created in pre-historical times. Within this theoretical framework of models and imitations, concepts of „original“, „imitation“ and „forgery“ were insubstantial. keywords
forgery, fossils, Johann Beringer, neo-platonism, original excerpt
Paläontologische und archäologische Fälschungen – das gilt für kommerziell, politisch-ideologisch oder rein wissenschaftlich motivierte Fälschungen gleichermaßen – müssen zwei Anforderungen genügen. Einerseits müssen sie Interesse- und Erwartungshorizonten begegnen und Bekanntes nachgestalten, andererseits stehen sie unter Innovationsdruck, müssen Überraschungen erzeugen, Neues und so nicht erwartbar Gewesenes schaffen. So entstehen Synthesen, die den Kriterien von Konvention und Innovation gleichzeitig genügen. Dieses Beziehungsgefüge zeigt sich auch an einer Wissenschaftsposse, die sich in mehreren Akten während der Jahre 1725/26 ereignete, und die heute gemeinhin mit „Fälschung“ umschrieben wird. Wie ist der Fall bislang und offenbar irreführend rekonstruiert worden? Einem passionierten Fossiliensammler – Johann Bartholomäus Adam Beringer, Universitätsprofessor und Leibarzt verschiedener Fürstbischöfe von Würzburg – wurden über 2000 künstlich angefertigte, phantasievoll anmutende Objekte untergeschoben. Das heißt, seine Zuträger ergruben für ihn das, was sie im Auftrag lustvoll-subversiver oder rachsüchtiger Universitätskollegen kurz zuvor angefertigt und vergraben hatten. Eine grundlegende Relevanz über ein bloßes Lokalgeschehen hinaus erlangten diese Ereignisse, weil dieses Vorgehen und seine Entlarvung in Diskussionen über die Grundfragen der neuen Wissenschaftsdisziplin „Fossilienkunde“ eingebunden waren. Es ging um wichtige wissenschaftliche Weichenstellungen.