Phantome – Begegnungen mit dem Ungewissen

Ein Phantom ist das, was nicht loslässt, in Gestalt einer trügerischen Vergangenheit,
die nicht aufhört, oder einer verheißenen Zukunft, die nicht
anfängt. Es gehört allen und keinem, es berührt, ohne nah zu sein – eine
Erscheinung, mal Trugbild, mal Gespenst oder Geist genannt, die schwer
in Begriff und Form zu fassen ist. Als Figur(ation)en des Ungewissen
machen Phantome die labilen Grenzen des Wissbaren kenntlich. Das
macht sie so anziehend wie gefährlich. Phantome sind zuerst und zuletzt
Phänomene der Wahrnehmung, des Sehens und des Hörens, Gestalt bzw.
Gehör gewordene innere Bilder bzw. Stimmen, die Herrschaft erlangen
können über das Denken. Als „analogische Vorstellungen unserer Sinne“
hat Immanuel Kant diese Erscheinungen in seiner 1766 erschienenen
Schrift Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik
bezeichnet.1 Sie gelten deshalb nicht umsonst als Agenten der wiederholten
(Selbst-)Täuschung, denen das sich selbst regulierende Subjekt
der Moderne ständig ausgesetzt ist. Phantome sind hartnäckig wiederkehrende
Erscheinungen, es gibt sie nur im Modus der Wiederholung,
der sie prozessiert. Es verbietet sich von daher eigentlich, von ihnen im
Singular zu sprechen: In Momenten der Unachtsamkeit, der Geistesabwesenheit
oder des Traums sind Phantome zur Stelle und erinnern daran,
dass die Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen eine ungewisse ist –