Schwindel der Postmoderne. Zufall und Kontingenzpotenzierung in Performance und Film

Der Zufall ist ein ambivalentes Ereignis. Während er in Naturgewalten und Unfällen als Störfall beängstigt, haben sich Kunst, philosophisches Denken und Wissenschaft seit der frühen Moderne sein Unordnungspotential als generative Potenz, als innovatives Prinzip und als eine Figur des Anfangs zu eigen gemacht, die ungeahnte Spielräume eröffnet. Sowohl das Irritations- als auch das Innovationspotential des Zufalls trägt heute eine radikalisierte Signatur. Neben wissenschaftlichen Theorien und Forschungsmethoden richten sich soziale und ästhetische Praktiken verstärkt auf das Eintreten des Zufalls aus, der sich in seiner Unkontrollierbarkeit nicht nur gegen Kausalität und Berechenbarkeit, sondern vor allem gegen subjektive Handlungsmacht artikuliert. Wenn KünstlerInnen Intention und eindeutigem Sinn lautstark widersprechen, spielen ihnen die Turbulenzen des Zufalls in die Hände, die sie für die Kritik an Regulierung und Normativierung operationalisieren. Der Zufallsbegriff lässt sich dabei schwerlich als modische Etikettierung verstehen, die sich eine bestimmte Theorieszene temporär aneignet, deren Relevanz abebbt oder eben wieder ansteigt. Selbst die Naturwissenschaften – eigentlich ein Programm, Regelmäßigkeiten zu finden – legen seit dem 20. Jahrhundert insbesondere in Evolutionstheorie und Chaostheorie nahe, dass am Anfang der Existenz der Zufall steht…