Ariane Beyn: Zum Einstieg ein starkes Bild: Dein Video Singing Lesson (2001/02)1, 2 wurde erstmals auf der Manifesta 4 (2002) in Frankfurt am Main gezeigt. Es dokumentiert die Performance einer Gruppe von gehörlosen oder schwerhörigen Kindern und Jugendlichen, die in einer Kirche in Warschau Jan Maklakiewicz’ Polnische Messe singen. Eine zweite Version dieser Arbeit entstand 2003 in Leipzig. Hier sangen gehörlose Jugendliche Bach-Kantaten in der Thomaskirche (Bach war dort ab 1723 Kantor und leitete den Thomanerchor, einen Knabenchor, der bis heute existiert). Singing Lesson konfrontiert den Betrachter mit dem Ergebnis einer schonungslosen Übung: Du lässt schwerhörige Jugendliche etwas einstudieren und öffentlich vorführen, was sie – gemäß dem Anspruch der Hörenden – niemals beherrschen können, und riskierst damit, sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch passiert noch mehr: Bei längerem Zuschauen wird sichtbar, dass in den Anstrengungen der Jugendlichen, in ihrem Ringen um Worte und Noten und in der ungewöhnlichen Interpretation der Musik auch eine Schönheit liegt. Gleichzeitig wird ein soziales Tabu angesprochen. In deinen Projekten mit Freiwilligen definierst du Aktionsfelder, auf denen die Teilnehmer weitgehend frei agieren können. Innerhalb dieser Experimentalanordnungen können z. B. soziale Konflikte ausgetragen oder, wie du es selbst einmal formuliert hast, unsichtbare soziale Normen sichtbar gemacht werden. Wie funktioniert das in der Praxis?
Artur Żmijewski: Meist ist ein rudimentäres Drehbuch der Ausgangspunkt, das üblicherweise so angelegt ist, dass eine bestimmte Aufgabe für die Teilnehmer ein wenig „verrückt“ wurde, d. h. von ihrer herkömmlichen Lösung abweicht. Es singt z.B. ein Chor, aber die Sänger sind gehörlos. Diese Nicht-Übereinstimmung mit der üblichen Vorgehensweise, dieser Bruch im Szenario und in der Aufgabe selbst ist für den Erkenntniswert entscheidend. Ähnliche Szenarien werden auch z. B. für psychologische Experimente entworfen…