Ströme und Turbulenzen. Die Geburt der Physik bei Lukrez
abstract
Vorbemerkung – Michel Serres’ 1977 erstmals bei den Éditions de Minuit in Paris erschienenes Buch La naissance de la physique dans le texte de Lucrèce. Fleuves et turbulences unternimmt eine dichte Lektüre von Lukrez’ (ca. 97–54 v. Chr.) klassischem atomistischen Lehrgedicht De rerum natura. Die Referenzen auf Lukrez – den Serres vor allem auf dessen physikalisches Wissen hin liest, ohne dabei Poetik und Wahrnehmungstheorie gänzlich außer Acht zu lassen – sind konsequent als fortwährender Kommentar mit dem eigenen Text verwoben. In seiner chaostheoretisch informierten Umschrift der sechs Bücher Über die Natur der Dinge nimmt Serres den materialistischen Zug der epikureischen Naturphilosophie Demokrits und Leukipps programmatisch auf. Er situiert Lukrez’ Beobachtung und Poetisierung des Seins der physikalischen Elemente als Teil der materiellen Natur und Kultur des antiken Mittelmeerraumes. Dazu gehört das atomistisch grundierte Spiel und Toben von Wind, Wasser und Feuer ebenso wie die Physiologie der Ströme des menschlichen Körpers und die kulturtechnische Einhegung der fluiden Bestandteile der Umwelt. Serres durchmisst Lukrez’ Kosmologie so nicht von der Position des berühmten „Schiffbruchs mit Zuschauer“ am Anfang des zweiten Buches aus. Stattdessen verschreibt er sich selbst den wirbelhaften Bewegungen von De rerum natura, um die soziale Grundierung und Referenz des antiken Wissens in den Vordergrund zu stellen.ilinx 1, 2010 – Wirbel, Ströme, Turbulenzen, pp. 289 - 305
Der Wirbel – δινὴ, dinè, δίνος, dinos – ist bei Epikur und Demokrit nichts anderes als die ursprüngliche Konstruktionsform der Dinge, der Natur im Allgemeinen. Die Welt ist zuallererst diese offene, aus Rotation und Translation zusammengesetzte Bewegung. Die Translation ist durch die Strömung und den Fall, die laminare Kaskade, gegeben. Frage: Wie kommt die Rotation zustande? Antwort: durch das clinamen, das die kleinstdenkbare Voraussetzung für die Bildung einer Turbulenz ist. Cicero sagte in De finibus: atomorum turbulenta concursio. Die Atome treffen in der und durch die Turbulenz zusammen.