Strömung des Sozialen. Versicherung, Verwaltungstechnik und Architektur der Arbeitslosenmasse in den 1920er Jahren
Wer noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs die Erwerbslosigkeit statistisch beschreiben will, steht vor einer Aufgabe, die der vollständigen numerischen Erfassung von ausgedehnten Wasseroberflächen ähnelt: „Was gestern war, ist heute nicht mehr und was heute ist, wird morgen nicht mehr sein. Die Arbeitslosenmasse taucht unter, erhebt sich in gewaltige Höhe, sie zieht wie eine Wellenlinie mit tiefen Tälern und hohen Bergen durch das Wirtschaftsleben. Und das ist nur die Masse als Ganzes. Anders verläuft ihre Bewegung in den einzelnen Berufsarten, anders in Stadt und Land, anders in Winter und Sommer. In manchen Berufen gleitet die Arbeitslosigkeit in kleinen Wellen dahin und zeigt viele Regelmäßigkeiten, in anderen wiederum schleicht sie bald am Boden hin, bald stürmt sie höhenwärts. Gerade ihre Bewegung ist es, die besondere Schwierigkeiten macht.“ Die Arbeitslosen bilden in dieser sozialstatistisch inspirierten Klage ein Feld der Turbulenzen. Weder das Ausmaß dieses „Meeres von Massenarmut und Massenelend“ ist bekannt, noch ist seine wechselnde Zusammensetzung oder  plötzliche Veränderung vorhersagbar. Die Metaphorik der See, die hier in stürmischer Bewegtheit für die Beschreibung der Arbeitslosenmasse herhält, impliziert ständige Bewegung einer sozialen Gruppierung, die sich nur in Begriffen der Unschärfe, der Möglichkeit und der potentiellen Gefahr  formuliert. Der statistische Blick auf die Erwerbslosigkeit lässt diese kurz gesagt als einen Raum unwägbarer Strömungen erscheinen: Sie ist in eminenter Weise kontingent…

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Wer noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs die Erwerbslosigkeit statistisch beschreiben will, steht vor einer Aufgabe, die der vollständigen numerischen Erfassung von ausgedehnten Wasseroberflächen ähnelt: „Was gestern war, ist heute nicht mehr und was heute ist, wird morgen nicht mehr sein. Die Arbeitslosenmasse taucht unter, erhebt sich in gewaltige Höhe, sie zieht wie eine Wellenlinie mit tiefen Tälern und hohen Bergen durch das Wirtschaftsleben. Und das ist nur die Masse als Ganzes. Anders verläuft ihre Bewegung in den einzelnen Berufsarten, anders in Stadt und Land, anders in Winter und Sommer. In manchen Berufen gleitet die Arbeitslosigkeit in kleinen Wellen dahin und zeigt viele Regelmäßigkeiten, in anderen wiederum schleicht sie bald am Boden hin, bald stürmt sie höhenwärts. Gerade ihre Bewegung ist es, die besondere Schwierigkeiten macht.“ Die Arbeitslosen bilden in dieser sozialstatistisch inspirierten Klage ein Feld der Turbulenzen. Weder das Ausmaß dieses „Meeres von Massenarmut und Massenelend“ ist bekannt, noch ist seine wechselnde Zusammensetzung oder  plötzliche Veränderung vorhersagbar. Die Metaphorik der See, die hier in stürmischer Bewegtheit für die Beschreibung der Arbeitslosenmasse herhält, impliziert ständige Bewegung einer sozialen Gruppierung, die sich nur in Begriffen der Unschärfe, der Möglichkeit und der potentiellen Gefahr  formuliert. Der statistische Blick auf die Erwerbslosigkeit lässt diese kurz gesagt als einen Raum unwägbarer Strömungen erscheinen: Sie ist in eminenter Weise kontingent...