Tourbillons et turbulences. Zu einer Ästhetik des Experiments in Étienne-Jules Mareys Machines à fumée

Betritt man den abgedunkelten Ausstellungsraum, so wird der Blick geradezu magisch von den beleuchteten Glasfenstern in der schwarzen Wand angezogen, hinter denen Ströme aus Rauch wie bewegte Malereien schweben. Dem Blick in die einzelnen Kammern enthüllt sich die Flüchtigkeit plastischer Formen: vor schwarzem Hintergrund mäandernde Rauchfäden, deren Bewegung sich erst offenbart, wenn die rauchigen Strömungen auf unbewegte Objekte verschiedener Form treffen, die sie umspielen, an denen sie sich brechen, sich zerteilen, verwirbeln. Das Fließen der Luft verwandelt sich in einen Flux der Bilder. Noch einen Schritt an den Fenstern vorbei und der Bilderfluss zerfällt wiederum in Einzelmomente: Die Wirbel der Luft sind nun fixiert auf (historischen) Fotografien, die in einem doppelten Sinne feststellen, was gewesen ist. So präsentierte das Pariser Musée d’Orsay die 1999 von der Cinémathèque française realisierten Nachbauten der Machine à fumée Étienne- Jules Mareys und transformierte damit dessen wissenschaftliches Experiment zur Sichtbarmachung von Luftbewegungen in ein künstlerisches Projekt.1 Die Apparatur, die Marey in der Sitzung vom 27. Mai 1900 vor Mitgliedern der Académie des Sciences nüchtern als ein zu erfüllendes experimentelles Programm beschreibt, erscheint uns heute als eine Bilder-Maschine, als ein Kaleidoskop von Luft-Formen. Die Frage, die das ‚Re-Enactment‘ der Luftexperimente im Musée d’Orsay mithin aufwirft, ist die nach der Grenze von Wissenschaft und Kunst, nach ihrer Verschiebung, ihrer tendenziellen Auflösung.

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Betritt man den abgedunkelten Ausstellungsraum, so wird der Blick geradezu magisch von den beleuchteten Glasfenstern in der schwarzen Wand angezogen, hinter denen Ströme aus Rauch wie bewegte Malereien schweben. Dem Blick in die einzelnen Kammern enthüllt sich die Flüchtigkeit plastischer Formen: vor schwarzem Hintergrund mäandernde Rauchfäden, deren Bewegung sich erst offenbart, wenn die rauchigen Strömungen auf unbewegte Objekte verschiedener Form treffen, die sie umspielen, an denen sie sich brechen, sich zerteilen, verwirbeln. Das Fließen der Luft verwandelt sich in einen Flux der Bilder. Noch einen Schritt an den Fenstern vorbei und der Bilderfluss zerfällt wiederum in Einzelmomente: Die Wirbel der Luft sind nun fixiert auf (historischen) Fotografien, die in einem doppelten Sinne feststellen, was gewesen ist. So präsentierte das Pariser Musée d’Orsay die 1999 von der Cinémathèque française realisierten Nachbauten der Machine à fumée Étienne- Jules Mareys und transformierte damit dessen wissenschaftliches Experiment zur Sichtbarmachung von Luftbewegungen in ein künstlerisches Projekt.1 Die Apparatur, die Marey in der Sitzung vom 27. Mai 1900 vor Mitgliedern der Académie des Sciences nüchtern als ein zu erfüllendes experimentelles Programm beschreibt, erscheint uns heute als eine Bilder-Maschine, als ein Kaleidoskop von Luft-Formen. Die Frage, die das ‚Re-Enactment‘ der Luftexperimente im Musée d’Orsay mithin aufwirft, ist die nach der Grenze von Wissenschaft und Kunst, nach ihrer Verschiebung, ihrer tendenziellen Auflösung.