Über Warten und Strafen. Das Wartezimmer als Machtraum in Franz Kafkas Roman Der Proceß

Gilles Deleuze und Félix Guattari schreiben in ihrem Werk Tausend Plateaus: „Franz Kafka ist der größte Theoretiker der Bürokratie.“ Führt man diese Feststellung weiter aus und begreift gerade das Aufschieben und Hinauszögern von Ereignissen als eine der Bürokratie inhärente Systematik, so kann man Kafka auch als einen der größten Theoretiker institutionalisierten Wartens bezeichnen. In seinem Proceß-Roman seziert er die Architektur von Behörden und Ämtern auf beispiellose Weise, wobei er das Warten und Wartenlassen als kulturelle Technik der Zuschreibung von Superiorität und Inferiorität durchbuchstabiert.
Als „ständiges Vorrecht jeder Macht“ und „jahrtausendealter Zeitvertreib der Menschheit“ bildet das Warten einen elementaren Bestandteil des Funktionierens und der symbolischen Ordnung von Institutionen. Wartezeiträume existieren nicht per se: Sie vollziehen sich vielmehr in einem unausgesprochenen Pakt zwischen Wartenden und höheren Instanzen, die auf sich warten lassen. Dieser Pakt, der mit Albrecht Koschorke auch als Form der „imaginären Zuerkennung von Seiten der Beherrschten“ verstanden werden kann, manifestiert sich auf einer zeitlichen und räumlichen Ebene. Zwar scheint das Warten zunächst ein primär zeitliches Problem zu sein, das sich im asymmetrischen Umgang mit Zeit als knapper Ressource par excellence manifestiert. Als eingeschobene Zäsur in den „Zeitfluss gewohnter Temporalstrukturen“ korreliert es jedoch mit entsprechenden Raumtransformationen.
Erstens ist die Praxis des Wartens spatial verfasst, weil ihr der räumlich-perspektivische Aspekt bereits etymologisch eingeschrieben ist und sich über die Blickkomponente herschreibt.