Verschulden. Die moralische Ökonomie der Schulden

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Das Schuldenmachen gilt zumeist als moralisch und ökonomisch dubioser Akt. Man spricht von der „Schuldenfalle“ oder gar der „Schuldenbombe“, um die ökonomische Zerstörung und Zwangslage zu charakterisieren. Die kulturellen Bilder, die wir vom Schuldner haben, sind in ganz unterschiedlicher Weise negativ konnotiert. Das Schuldnerdasein wird zum einen assoziiert mit Unfreiheit und Sklaverei. „Human Bondage“ heißt das Kapitel in der Geschichte des Geldes über die Schulden. Aber das „Schulden haben“ wird nicht nur im Idiom politischer Unfreiheit verhandelt. Es wird ebenso häufig mit dem Vergessen oder dem Verlust von ökonomischen Tugenden wie Sparsamkeit, Vorsorge und Arbeitswilligkeit verknüpft. Verschwendung, Faulheit und mangelnder ökonomischer Sinn, liegt, so wird schnell vermutet, am Grund des Schuldenmachens. Treffend hebt dies der amerikanische Kulturhistoriker Leon Calder hervor: „Debt is an economic concept. It is also a moral state […]. The moral nature of debt looms at least as large as the economics of borrowed money“. Calder stellt mit Verwunderung fest, dass die Geschichte über den Verlust von ökonomischen Tugenden als Ursache von Schulden eine ewige Geschichte ist, die immer wieder erzählt wird. Das einzige, was sich ändert, sei der Zeitpunkt, an dem dieser Verfall diagnostiziert wird: Der Verfall ist meistens ungefähr zwanzig Jahre her, aber dies seit zweihundert Jahren. Anscheinend sind nicht nur Schulden dubios, sondern auch die Geschichten, die wir über sie erzählen.