– ἴλιγξ / ilinx [gr. Wirbel , das Wirbeln]

Wirbel entstehen lokal und situativ, vermischen und vermengen heterogene Elemente (Theorien, Methoden, Material, Disziplinen, Akteure, Artefakte, Zeiten und Räume); sie klären auf, trüben ein, wirbeln Staub auf und schlagen Wellen; setzen Dinge in Bewegung, destabilisieren, erzeugen Sogwirkungen, Kraftfelder, Unterströmungen, Stromschnellen und Untiefen, Schwindel, Rauschen und Störungen; sie reißen mit, hin, fort und weg.

Als Bewegungen des Denkens wurde diesen Figuren des Turbulenten seit jeher ein Erkenntnispotential zugeschrieben. So steht beispielsweise der Schwindel bei Platon für eine Verunsicherung über die Grundlagen des Wissens, die den Ausgangspunkt jedes philosophischen Fragens bildet; und auch das neuzeitliche Denken setzt mit der Erfahrung eines fundamentalen Schwindels an: „ Die gestrige Betrachtung hat mich in so gewaltige Zweifel gestürzt , dass ich sie nicht mehr vergessen kann, und doch sehe ich nicht , wie sie zu lösen sind; sondern ich bin wie bei einem unvorhergesehenen Sturz in einen tiefen Strudel so verwirrt , dass ich weder auf dem Grunde festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen kann.“ (Descartes, Meditationes de prima philosophia, 2. Meditation)

An diesen Ausgangspunkt kehrt die Zeitschrift zurück , wenn sie sich den Dynamiken der Einlassung und des Hingerissen-Werdens, des Herauslösens und des Kombinatorischen verschreibt. Diese Bewegungen stehen für eine kulturwissenschaftliche Arbeitsweise , die Material , Methode und Theorie nach den Erfordernissen des Untersuchungsgegenstands konfiguriert und im Zweifelsfall die Problemgerechtigkeit den disziplinären Traditionen vorzieht. Dabei erfordert der Umgang mit dem temporär gestifteten Sog Augenmaß und Navigationsvermögen: Haupt- und Nebenströmungen müssen „ gesichtet“, „ ausgelotet“, „umschifft“, Übertragungen müssen taxiert werden, bis sie auf einen Punkt zulaufen, der beweglich bleibt.

Gibt man die Ordnungsansichten auf und taucht ab und – an unerwarteter Stelle – wieder auf, so hat man sich auf ilinx eingelassen, auf jene Dimension des Spielens, die Roger Caillois inLes jeux et les hommes : le masque et le vertige (1958) als bewusst aufgesuchte Andersartigkeit des Schwindels oder Rausches beschreibt. Das temporäre Aussetzen bekannter Orientierungen wird hier aufgrund seines Reizes gesucht, und die Betonung des Spiels respektiert die notwendige Offenheit der Ordnungen. Die Bewegung der Suche ist häufig gerade dann erfolgreich, wenn Störungen, Fehler oder Nebensächlichkeiten eine Entdeckung provozieren und zufällig, nach dem Prinzip der‚serendipity‘, geschehen. ilinx nimmt diese Figuren ernst, fordert zum Spiel mit den Dynamiken auf und will die Reflexionen darüber operationalisieren.

ilinx – Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft versteht sich als Zeitschrift für experimentelle Forschungsansätze, die mit jeder Ausgabe heterogene Strömungen an einem Ort zusammenführt: Wirbel entstehen temporär und momenthaft dort, wo verschiedene Einflüsse aufeinander treffen. Die Zeitschrift bewegt sich bewußt in den Zwischenräumen etablierter Wissenschaftsdisziplinen, in denen sich historische Kulturwissenschaft konstituiert.

Die Redaktion lädt jährlich Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftler – aber auch Personen, die sich außerhalb von Universitäten in eigenen Projekten, Vortragsreihen, Festivals, in Museen oder im Journalismus kulturwissenschaftlicher Arbeit widmen – ein, auf einen thematischen Call for Papers zu antworten. Die Textbeiträge in der Kategorie ‚l a n g‘ werden im Rahmen eines anonymisierten Peer-Review-Verfahrens evaluiert und kommentiert. In der Rubrik ‚ k u r z‘ stehen jenseits dessen experimentelle Formate im Vordergrund: Fragmente, Skizzen, Peripheres …; ‚i l i n x‘ ist Beiträgen gewidmet, die sich historisch oder systematisch explizit auf ilinx beziehen; ‚ü b e r s e t z t‘  präsentiert ausgewählte Fundstücke und Übersetzungen.

ilinx wird in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin herausgegeben, dem wir für die Unterstützung zu danken haben. Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats sind Alexander García Düttmann (London), Anke te Heesen (Tübingen), Ute Holl (Basel), Eva Horn (Wien), Helmut Lethen (Wien), Susanne Regener (Siegen), Joseph Vogl (Berlin) und Sigrid Weigel (Berlin)